Der Mann in der U-Bahn

Bei uns in der U-Bahn wohnt ein Mann.

Mindestens schon so lange, wie ich jetzt hier wieder wohn und das sind immerhin 12 Jahre.

Seine Ungefähr-Geschichte kenn ich, weil meine Mutter es irgendwann tatsächlich geschafft hatte, sich mit ihm zu unterhalten. Was bemerkenswert ist, denn ich erinnere mich noch gut, wie ich ihm zum ersten Mal was gab. Er guckte mich nicht an, sagte kein Wort, eine Hand schoss vor, grapschte nach dem was auch immer ich da damals hatte – völlig verstört.

Er will in kein Obdachlosen-Heim und auch nicht zurück in’s „normale“ Leben. Genug Menschen haben ihm angeboten zu helfen.

Inzwischen hat er sich offensichtlich eingerichtet in seiner Situation.

Die Menschen aus dem Stadtteil versorgen ihn – DENN!!! – Er hat noch nie jemanden nach irgendwas gefragt, spricht niemanden an. Er is einfach da. Und wird offensichtlich „ganz gut“ versorgt. Immer wieder neue Klamotten, im Winter mal ’ne neue Decke, wenn man morgens vorbei kommt und er schläft noch, liegt manches Mal irgendwas in Alufolie eingepacktes auf seinen Sachen,  grad hat er wieder einen neuen Rucksack, man sah ihn auch schon mit Verband um den Fuß –

Es ist sein Leben – hat er sich das ausgesucht ? Ein jeder gucke sein eigenes Leben an, was hast du dir ausgesucht?

Ich zumindest habe gelernt, wenn ich aus der U-Bahn komm und er sitzt da, sag ich (manchmal, nicht immer) „Guten Tag, ich komm in fünf Minuten wieder, nich weg gehen“. Denn das ist mir einmal passiert, da war er schon wieder nicht mehr da 😉 Inzwischen guckt er einen an. sagt „Okay“, Ich hab’s nur wenige Minuten nach Hause, pack ein paar Sachen aus meinem vollen Kühlschrank in eine Tüte, paar Zigaretten dazu, denn er hat angefangen zu rauchen, irgendwann zwischendurch, trinken tut er nicht, Drogen nimmt er mit Sicherheit nicht und hält, wie gesagt, auch nie die Hand auf.

Ich drück ihm die Tüte in die Hand und er sagt „Danke“.

Das is doch schon mal was 😉

Und hiermit sei er verewigt im Internet. Stellvertretend für all die Menschen, die halt irgendwann irgendwie aus der Bahn geschmissen wurde.

Will einer den ersten Stein schmeißen?

Ich zumindest weiß, dass auch ich im Glashaus sitze.

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39 Kommentare zu „Der Mann in der U-Bahn

    1. Ich seh das ja so –
      Achtung, hier kommt wieder ein Ananda-Statement 😆

      Wir sind Familie Mensch, gelandet hier auf diesem komichen Planeten.
      Mal geht’s dem einen besser, mal geht’s dem anderen schlechter.
      Letztlich haben wir alle ein gemeinsames Konto.

      Gefällt 1 Person

  1. Schön, ich liebe die Überflussgesellschaft!!! In einem Land wie Venezuela hätte der Mann wahrscheinlich weit weniger Angebote. Bzw. währe beim Schlafen um sein Hab und Gut bestohlen worden.

    Wenn ich mein Leben angucke bin ich absolut glücklich und völlig zuFRIEDEN!!!

    Was ich mir ausgesucht habe ist:

    Ein eigenständiges, selbstbestimmtes, kompromissloses und freies Leben.

    Frei ist der Obdachlose bestimmt noch mehr als ich. Keine Miete, Krankenversicherung, Rechnungen…. zahlen. Kein Früh-Aufstehen, kein Weg zur Arbeit und auch keine 8 bis 10 Stunden arbeiten (wobei er auch sehr viel schönes verpasst, wie die tägliche Fahrt mit dem Rad zur Arbeit, besonders wenn die Sonne aufgeht/ untergeht, ich bin ein hoffnungsloser Romantiker) ;-). Dafür wird es im Winter eben etwas frischer und bei Erkrankung wird es für ihn auch heikel.

    Einen Stein will ich nicht schmeißen, zu einem wird eines Tages ein riesiger Felsen zurückkommen und zu anderem zwingt niemand die Menschen dazu ihm zu helfen und solange der Mann nichts stiehlt ist seine Weste immer noch sauberer als die der achsogut gekleideten Geschäftsleute/ Businessman.

    Es ist nett das du ihm hilfst, und solange er sich nicht kaputtsäuft/ spritzt und es nicht jedes Mitglied der Gesellschaft so macht wie er, solange gibt es auch keinen Grund ein Problem in diesem Verhalten zu sehen.

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  2. Nix Stein werfen. Und wer weiß warum er da sitzt. Jemand aus meiner Readerliste schrieb heute: Wohin fahren all die verpassten und abgefahrene Züge?

    Ich antwortete vielleicht waren sie nicht für uns bestimmt. Sehen wir es mal positiv und denken alles hat einen unendlich guten Grund!

    Wer ist denn dieser Mann? Stell dir vor(ich weiß das hört sich lustig an) Gott käme neu auf die Erde! Als wer oder was würde er kommen?

    Was wenn genau das was da im Bahnhof passiert Nächstenliebe ist und eine Chance für Viele? …..Gesponnen, aber was wissen wir denn schon?

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  3. Wer sucht sich sein Leben wirklich aus? Es ist nicht mein „Verdienst“, heute da zu sein, wo ich bin. Mich macht froh und dankbar, das ich die Chancen, die mir mein Gott bot, erkennen und nutzen konnte. In wie weit das Selbst-Bestimmtheit zu nennen ist, weiß ich nicht.

    Jeder Mensch kommt mit einem nur für ihn bestimmten Potential zur Erde. Das ist sehr ungleich verteilt und ich habe mittlerweile tiefen Respekt vor denen, die Menschen mit wenig Potential beistehen und ihnen helfen, sich selbst zu entwickeln.

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      1. Für mich steht immer im Vordergrund, zu erkennen und damit zu leben., das heißt, das für mich beste aus meinen Anlagen zu machen. Die Frage nach dem „warum“ kann schnell in die Irre führen und Energien binden, die ich anderswo besser einsetzen kann.

        Es kommt sowieso der Tag, an dem mir, uns, all diese Zusammenhänge bewußt werden.Warum dem voraus eilen 😉

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